Doppelhelix
Quelle: Bellando Mitjans Unsplash - Screenshot Buchcover - Collage

Die Vision des Klaus Schwab

Teil 2 – Die Verbesserung des Menschen

Heinz Mosmann, Ostern 2021

Kommen wir – neben der schleichenden Machtergreifung der Konzerne im Stakeholder-Kapitalismus – nun zur zweiten Vision, die den Köpfen von Schwab & Friends entspringt, die allerdings so komplex ist, dass ich sie hier nur andeuten kann: die transhumanistische Vision des technisch verbesserten Menschen in einer vollautomatisierten, technologisch gesteuerten Umwelt. Diese Vision, obgleich sie mit der ersten eine Symbiose eingeht, betrifft nicht in erster Linie den wirtschaftenden Menschen, sondern das individuelle Geistesleben und das schöpferische Ich des Menschen. Schon in seinem 2016 erschienenen Buch „Die Vierte Industrielle Revolution“ hat Schwab die phantastischen technologischen Errungenschaften abgearbeitet, mit denen die Menschheit in der jetzt anbrechenden Zukunft beglückt werden soll. Dazu gehören „implantierbare Technologien“, „unsere digitale Präsenz“, „die Augen als neue Schnittstelle“, „das Internet der Dinge“ und „intelligente Städte“, „Künstliche Intelligenz und Entscheidungsprozesse“, „3D-Druck“ zur Organherstellung, „Designer-Organismen“ und „Neurotechnologie“, um nur ein paar Themen zu nennen, die ihn offenbar begeistern und denen er eigene Kapitel widmet. Auf die vielfältigen damit angedeuteten Themen und Probleme kann ich hier nicht im Einzelnen eingehen, sondern greife nur exemplarisch einen Gedankenstrang heraus (Seite145ff), den Schwab unter dem vielsagenden Titel „Der Mensch“ ausführt und der für seine Gedankenwelt symptomatisch ist. Einige besonders charakteristische Begriffe und Formulierungen (1) habe ich unterstrichen:

„Die Vierte Industrielle Revolution verändert nicht nur, was wir tun, sondern auch, wer wir sind. Ihre Auswirkungen auf den Einzelnen sind vielfältig und betreffen unsere Identität und ihre vielen verwandten Facetten – unsere Privatsphäre, unsere Vorstellungen von Eigentum, unser Konsumverhalten, Arbeit und Freizeit, Karriere- und Kompetenzentwicklung. Sie beeinflusst, wie wir andere Menschen kennenlernen und Beziehungen führen, die Hierarchien, von denen wir abhängen, und unsere Gesundheit. Früher als wir denken, könnte das zu Formen menschlicher Weiterentwicklung führen, die uns das Wesen der menschliche Existenz infrage stellen lassen. Solche Veränderungen lösen Begeisterung und Angst zugleich aus, während wir in unvermindertem Tempo voranpreschen.

Bisher hat uns Technik in erster Linie ermöglicht, Aufgaben leichter, schneller und effizienter zu erledigen und uns selbst weiterzuentwickeln. Allmählich erkennen wir nun, dass sie viel mehr zu bieten hat – aber auch weit mehr für uns auf dem Spiel steht. Aus all den erwähnten Gründen stehen wir an der Schwelle eines radikalen Systemwandels, der uns Menschen kontinuierliche Anpassung abverlangt. Womöglich wird dies die Welt zunehmend polarisieren, in diejenigen, die den Wandel begrüßen, und solche, die ihn ablehnen.

Daraus entsteht eine Ungleichheit, die weit über die zuvor beschriebene gesellschaftliche Ungleichheit hinausgeht. Diese ontologische Ungleichheit scheidet die Anpassungswilligen und -fähigen von den Anpassungsverweigerern. Sie definiert also im Grunde die Gewinner und Verlierer in jedem Sinn des Wortes. Die Gewinner profitieren womöglich von gewissen Formen radikaler Optimierungen des Menschen, wie sie durch bestimmte Segmente der Vierten Industriellen Revolution hervorgebracht werden (wie etwa der Gentechnik), die den Verlierern vorenthalten bleiben. Daraus entsteht die Gefahr von Klassenkonflikten und anderen Auseinandersetzungen, die anders sein werden als alles, was wir kennen…

Die von der Vierten Industriellen Revolution ausgelösten gewaltigen Innovationen, von Biotechnologie bis zu Künstlicher Intelligenz, legen ganz neu fest, was es bedeutet, ein Mensch zu sein. Sie erweitern die geltenden Grenzen bei Lebensdauer, Gesundheit, Wahrnehmung und anderen Eigenschaften in einer Weise, wie sie bislang nur in Science-Fiction-Filmen vorkam. Angesichts des zunehmenden Wissens und neuer Entdeckungen auf diesen Gebieten ist entscheidend, dass wir ihre moralischen und ethischen Implikationen fortlaufend diskutieren. Als Menschen und soziale Wesen müssen wir uns individuell und gemeinsam überlegen, wie wir auf Fragen wie Lebensverlängerung, Designerbabys, Gedächtnisextraktion und andere mehr reagieren. Gleichzeitig müssen wir uns aber darüber im Klaren sein, dass diese unglaublichen Entdeckungen auch manipuliert werden können, um bestimmten Einzelinteressen zu dienen – und nicht unbedingt dem Gemeinwohl…“

Der wenig geübte Leser wird vielleicht an den Texten Klaus Schwabs zunächst gar nichts Besonderes bemerken, vielleicht fällt ihm nur auf, dass ihn nach einiger Lektüre eine gewisse Unbehaglichkeit beschleicht, wie wenn man bei einem Gesprächspartner nicht genau weiß, woran man ist. Bei einer genaueren Analyse wird dann zunächst einmal deutlich, wie vieles im Unbestimmten und Unverbindlichen gehalten wird; ständig werden vage Möglichkeiten angedeutet, der Konjunktiv herrscht vor, es „könnte“ und „sollte“ „vielleicht“, wobei der Autor bei allem gelegentlich aufblitzenden analytischen Scharfsinn nie wahrhaftig Stellung bezieht, stattdessen aufgegriffene Gedankengänge abbrechen oder ins Leere laufen lässt. Das wirre Sammelsurium von Vermutungen und Gedankenbruchstücken ist ungeheuer ermüdend: taucht irgendwo ein Gedanke auf, den man weiter verfolgen möchte, ist schon nach kurzer Sequenz der Abschnitt oder das Kapitel zu Ende und es wird ein neues Thema aufgetischt. Dabei ist die vordefinierte Begrifflichkeit oftmals fragwürdig oder gar widersprüchlich und scheint in ihrer Wesenstiefe oft nicht erfasst, obwohl der faktische Gegenstand für den gesunden Menschenverstand ja ungeheuerlich und erschreckend ist.

Werfen wir nur ein paar Schlaglichter auf die Textstelle, zum Weiterdenken. Die Vierte Industrielle Revolution, so heißt es, verändere „wer wir sind“. Wer sind wir denn bislang gewesen, möchte man da fragen, und wie kann die Industrie uns in unserem ureigensten Sein verändern? Ist das menschliche Wesen von solcher Art, dass diese Industrialisierung uns „zu Formen menschlicher Weiterentwicklung führen“ kann, die uns zudem auch noch „das Wesen der menschliche Existenz infrage stellen lassen“? Getrieben von „Begeisterung und Angst zugleich“„preschen“ wir in „unvermindertem Tempo voran“. Das heißt doch, wir kommen seelisch und erkenntnismäßig nicht mit und werden von einem rein technologischen Zweckdenken in eine ungewisse Zukunft hineingerissen. Inwiefern hat uns dann die Technik bislang ermöglicht, „uns selbst weiterzuentwickeln“? Und was ist damit gesagt, dass sie „viel mehr zu bieten hat“ als das, nämlich uns weiterzuentwickeln? Widersinn über Widersinn!

Dann folgt ein Schlüsselbegriff dieser Denkungsart: der „Systemwandel verlangt“ von uns Menschen eine „kontinuierliche Anpassung“. Dass dieser Systemwandel menschengeschaffen und keine Naturnotwendigkeit ist, fällt hier unter den Tisch, sodass der Mensch sich dem absolut Notwendigen nur anpassen kann. Das ganze Gerede Schwabs von den angeblichen Gestaltungsmöglichkeiten für eine menschliche Zukunft erweist sich durch diesen Satz als Schimäre. Der Mensch kann an der notwendig sich vollziehenden, durch eine von ihm losgelöste unabänderliche Geistesmacht bewirkten Entwicklung allenfalls pragmatische Modifikationen zu seinem Nutzen anbringen. Die Gesamtrichtung des unabänderlichen Wandels aber kann der Mensch nur bejahen oder ablehnen; im ersten Fall gehört er zu den Gewinnern, im zweiten Fall zu den Verlierern – diese Spaltung der Gesellschaft ist ein unvermeidliches und wesenhaftes, „ontologisches“ Element der Menschheitsentwicklung. Die Spaltung („Ungleichheit“) bedeutet also: der Mensch hat nur die Freiheit der Wahl zwischen zwei Möglichkeiten: er kann sich zu den Anpassungswilligen und -fähigen oder zu den Anpassungsverweigerern gesellen. (Dem wachen Beobachter werden sicher verblüffende Ähnlichkeiten schon in der Wortwahl mit Leitsätzen aus der gegenwärtigen Krise auffallen.) Die Willigen als Gewinner profitieren von den „radikalen Optimierungen des Menschen“ in bestimmten „Segmenten“ der Vierten Industriellen Revolution, beispielsweise von der „Gentechnik“, was den Verweigerern und „Verlierern vorenthalten“ bleibt. Jetzt spätestens wird dem wachen Beobachter klar: Schwabs Vision stellt die Apokalypse auf den Kopf. Bei ihm sind die an eine materialistische Technik Angepassten die „Guten“ – das Wort selbst vermeidet er, denn er hat eine natürliche Scheu vor moralischen Begriffen –, diejenigen, die sich nicht diesem Diktum der materiellen „Notwendigkeit“ und den Zwängen der Körperlichkeit unterwerfen, sind die „Bösen“, die von der Weiterentwicklung ausgeschlossen sind.

An dieser Stelle möchte ich eine Passage aus der Apokalypse (2) einfügen, ohne auf Einzelheiten näher einzugehen, nur als Anregung zur eigenen vergleichenden Interpretation. In ihr wird das Auftauchen einer überwältigenden, die individuelle Geistigkeit leugnenden Macht beschrieben, die mit ihrer raffinierten äußerlich-technischen Kunstfertigkeit die Menschen in Bann schlägt. Das „Tier“ propagiert den Menschen als bloßes Natur- und Gattungswesen, bar jener höheren geistigen Lebensform, wie sie das Christuswesen (das Lamm) durch sein Opfer und seine Auferstehung in die Menschheit eingepflanzt hat. Dieser Machthaber wird inspiriert und unterstützt von einer Wesenheit, die sich als „Lamm“ ausgibt und großes Wissen und Geisteskraft demonstriert, dabei aber die Menschheit zur berechenbaren und steuerbaren Zahlengröße und den Einzelnen zur kontrollierbaren Nummer degradiert:

„Als ich das sah, stand ich auf dem Ufersand des Meeres. Und ich sah ein Tier aus dem Meere emporsteigen. Das hatte zehn Hörner und sieben Häupter und trug auf den Hörnern zehn Kronen, und auf seinen Häuptern standen Namen der Feindschaft gegen den Geist… Die ganze Erdenwelt folgte voll Bewunderung dem Tiere nach. Alle beteten den Drachen an, weil er dem Tiere eine solche Vollmacht gab. Und sie beteten das Tier an und sprachen: Wer ist dem Tiere gleich, und wer dürfte es wagen, gegen es zu streiten? … Und es wurde ihm die Kraft gegeben, gegen die geist-ergebenen Menschen einen Krieg zu entfesseln und sie zu besiegen. Übermacht wurde ihm gegeben über alle Stämme und Völker und Sprachen und Rassen. Alle Bewohner der Erde werden das Tier anbeten, obwohl sein Name niemals eingeschrieben war in das Buch des Lebens, das dem sich seit der Grundlegung der Welt opfernden Lamme gehört… Wer Ohren hat, der höre! … Was sich hier allein bewährt, ist die ausharrende Kraft und der Glaube derer, die dem Geist ergeben sind.

Und ich sah ein zweites Tier. Das stieg aus der festen Erde empor und hatte zwei Hörner, so dass es ähnlich aussah wie ein Lamm, aber seine Sprache war wie die eines Drachen. Bei allem, wozu das erste Tier Vollmacht hat, wirkt es magisch mit vor dem Angesichte desselben. Es bewirkt, dass die Erde und alle ihre Bewohner das erste Tier anbeten… Und es vollbringt große magische Taten. Es holt sogar Feuer vom Himmel und lässt es vor den Augen der Menschen auf die Erde herniederfahren. Es führt die Bewohner der Erde irre durch die Wunder, die es vor dem Angesicht des ersten Tieres zu tun vermag…Weiterhin bewirkt es, dass alle, Kleine und Große, Reiche und Arme, Freie und Unfreie, sich ein Zeichen auf die rechte Hand oder auf die Stirn prägen. Keiner soll kaufen oder verkaufen können, der nicht den Namen des Tieres oder die Zahl seines Namens als Zeichen und Prägung an sich trägt. – Hier spricht die Weisheit selbst. Wer Verstand besitzt, der suche den Sinn, den die Zahl des Tieres hat. Es ist die Zahl des Menschen. Und seine Zahl ist sechshundertsechsundsechzig.“ –

Die Innovationen der Biotechnologie und der Künstlichen Intelligenz, so heißt es bei Schwab dann weiter, „legen ganz neu fest, was es bedeutet, ein Mensch zu sein“. Deshalb müssen wir „überlegen“, „wie wir auf Fragen wie Lebensverlängerung, Designerbabys, Gedächtnisextraktion und andere mehr reagieren“. Auch hier sind wir also wieder dazu verurteilt, auf das, was sich „von selbst“ vollzieht, nämlich die künstliche „Lebensverlängerung“ und die Produktion von „Designerbabys“, zu reagieren. Achten müssen wir vor allem darauf – und das ist die „Moral“ von der Geschichte oder das ethische Postulat –, dass solche Entwicklungen (wie Designerbabys) nur dem „Gemeinwohl“ dienen (sic!) und nicht von irgendwelchen egoistischen „Einzelinteressen“ „manipuliert“ werden. Wie Herr Schwab selbst zu Designerbabys steht, erfahren wir natürlich nicht.

Schwab präsentiert seine Visionen in einer Weise, als würden sie mit unabänderlicher Naturnotwendigkeit eintreten, wobei seine eigene Haltung dazu weder Verbindlichkeit noch seelische Betroffenheit erkennen lässt. Dabei kommt es dann immer wieder zu Floskeln wie: man habe es ja jetzt in der Hand, ob diese Entwicklung mit Gewinn oder Verlust an Menschlichkeit einhergehe, aber weder wird dabei gesagt, worin das Menschliche denn nun eigentlich besteht, noch werden wirklich konstruktive Vorschläge und Ideen unterbreitet, die eine solche Menschlichkeit erkennen lassen. Es geht stets um technisch-ökonomische Effektivität und Rationalität, bestenfalls um bürgerlichen Genuss und Behaglichkeit des von Hightech bedienten und versorgten Massenmenschen. Wir können uns dieser Entwicklung nur anpassen, von kultureller Originalität und Individualität keine Spur. Sucht man nach dem spezifisch Menschlichen eines freien Geisteslebens und einer warmherzigen Begegnungskultur, findet man bei Klaus Schwab nur gähnende Leere. Man wird an die bezeichnenden Worte in Rudolf Steiners „Philosophie der Freiheit“ erinnert: es gebe Menschen, „deren Begriffe so ohne jede Spur einer Eigentümlichkeit an uns herankommen, als wären sie gar nicht aus einem Menschen entsprungen, der Fleisch und Blut hat“.

In der anthroposophischen Geisteswissenschaft wird das individualisierte, warmherzige und empathische Denken als von dem Geistwesen „Michael“ inspiriert gekennzeichnet, das kalt-rationale, vom individuellen Menschen „abgezogene“ (d.h. “abstrahierte“) Denken ohne „Fleisch und Blut“ als von dem Geistwesen „Ahriman“ inspiriert, das in vielem dem „Mephistopheles“ bei Goethe entspricht. In den kurz vor seinem Tode verfassten, als „Michael-Mysterium“ veröffentlichten „Briefen an die Mitglieder“ schreibt Rudolf Steiner zu letzterem: „Nun hat Ahriman sich die Intellektualität in einer Zeit angeeignet, als er sie nicht in sich verinnerlichen konnte. Sie blieb eine Kraft in seinem Wesen, die mit Herz und Seele nichts zu tun hat. Als kalt-frostiger, seelenloser kosmischer Impuls strömt von Ahriman die Intellektualität aus. Und die Menschen, die von diesem Impuls ergriffen werden, entwickeln eine Logik, die in erbarmungs- und liebeloser Art für sich selbst zu sprechen scheint…, bei der sich nichts zeigt, was rechtes, inneres, herzlich-seelisches Verbundensein des Menschen ist mit dem, was er denkt, spricht, tut.“

Ich unterstelle keine böse Absicht und erlaube mir kein Urteil darüber, ob und inwieweit Herr Schwab sich der Bedeutung und spirituellen Tragweite seiner Äußerungen bewusst ist. Aber wie ich das, was in den Evangelien steht, im Sinne der „Geistigen Führung des Menschen und der Menschheit“ (Rudolf Steiner) als vom Christusgeist inspiriert verstehe, so kann ich das, was ich in den Schriften von Klaus Schwab finde, nur als ahrimanisch inspiriert bezeichnen. Der Autor des „großen Umbruchs“ (3) macht übrigens kein Geheimnis aus der Tatsache, dass er die „Corona-Pandemie“ für ausgesprochen harmlos hält. „Im Gegensatz zu vergangenen Epidemien stellt Covid-19 keine neue existenzielle Bedrohung dar.“ (Umbruch, S.16) „Aller Wahrscheinlichkeit nach werden die Folgen von Covid-19 in Bezug auf Gesundheit und Mortalität im Vergleich zu früheren Pandemien relativ gering sein… Die Corona-Pandemie ist anders. Sie stellt weder eine existenzielle Bedrohung noch einen Schock dar, der die Weltbevölkerung für Jahrzehnte prägen wird.“ (S.296) Dennoch misst er der Pandemie eine epochale und revolutionäre Bedeutung bei, die alles Vorherige in den Schatten stellt, aber eben nicht wegen ihres gesundheitlichen Gefahrenpotentials, sondern aufgrund der Angstreaktionen der Menschen, insbesondere auch der Mächtigen, Eliten und Regierenden, und deren daraus folgenden Bereitschaft zu einschneidenden Maßnahmen. Eben darin sieht er die große Chance, wie er behauptet die zwingende Notwendigkeit, seine transhumanistischen und hyperkapitalistischen Visionen Wirklichkeit werden zu lassen. „In diesem Sinne spiegeln die umfangreichen sozialen Proteste… die dringende Notwendigkeit wider, den Großen Umbruch in Angriff zu nehmen. Durch die Verbindung eines epidemiologischen Risikos (Covid-19) mit einem gesellschaftlichen Risiko (Proteste) machten sie deutlich, dass es in der heutigen Welt die systemische Verbindung von Risiken, Themen, Herausforderungen und auch Chancen ist, auf die es ankommt und die die Zukunft bestimmt… Nach und nach erkennen wir, dass die folgenschwersten Probleme in der Verkettung wirtschaftlicher, geopolitischer, gesellschaftlicher, ökologischer und technologischer Risiken liegen, die sich aus der Pandemie und ihren anhaltenden Auswirkungen auf Unternehmen und Einzelpersonen ergeben werden… In der Welt nach der Corona-Pandemie werden Fragen der Gerechtigkeit und Fairness in den Vordergrund rücken, die von stagnierenden Realeinkommen für die große Mehrheit der Menschen bis zur Neudefinition unserer Gesellschaftsverträge reichen… Die Richtung der Trends hat sich nicht geändert, aber im Zuge von Covid-19 hat sich die Entwicklung deutlich beschleunigt.“ (S.295ff)

Jenes kalt-sachliche Verstandesdenken, das Welt und Menschen als Gegenstände betrachtet, die dem rationalen Kalkül verfügbar und daher steuerbar sind – es lässt sich übrigens bei den Betreibern der NS-Vernichtungsmaschinerie durchgängig aufzeigen –, hat auf dem Vehikel der Angst und der horizontverengenden materialistischen Fixierung auf ein Wahnbild die Alleinherrschaft über das politische und gesellschaftliche Leben erlangt. Tatsächlich hat sich in dieser Hinsicht kein wesentlicher Richtungswechsel in der neuzeitlichen Bewusstseinsentwicklung ereignet, sondern Covid-19 hat lediglich „die Entwicklung deutlich beschleunigt“.

Alternativer Nachklang: „Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder…“

So wie der Vogel
innehält und sich wendet im Flug,
so jäh, so ohne Grund
dreht sich das Klima des Herzens.
Weiße Flügelsignale im Blau,
Auferstehung
all unserer toten
Blumen
im Osterwind
eines Lächelns.

(Hilde Domin, aus: „Osterwind“)

Sollte wirklich eine grundsätzliche Umkehr in eine andere Richtung erfolgen und nicht nur eine Beschleunigung vorhandener „Trends“, dann müsste ein tiefgreifender Wandel in den Denkintentionen und der Geisteshaltung der Menschen erfolgen. Dies betrifft besonders das innere Verhältnis, das wir zu jenen geistigen Kräften haben, die in uns als „Kindeskräfte“ wirken und bilden, sei es nun als Kräfte der Salutogenese und Selbstheilung, der Geistesschulung oder der gesamten Schicksals- und Lebensführung. Das sind heute aber zugleich auch die in uns wirkenden Kräfte der Auferstehung, oder besser: des Auferstandenen. Die gesamte Erdenentwicklung und Menschheitsgeschichte sei sinnlos, so meinte der russische Philosoph Wladimir Solowjoff, wäre Christus nicht auferstanden. Христос воскрес!, spricht der Priester in der slawischen Osterliturgie zur Gemeinde, und sie antwortet: Воистину воскрес!, Christus ist auferstanden – Wahrhaftig ist er auferstanden.

In dieser Hinsicht hat die Menschheit, so scheint es zumindest momentan, durch die Corona-Krise einen schweren Rückschlag erlitten. Oder ist das „nur der stark sich geltend machende Schatten“ einer „lichtdurchwobenen, warm in die Welterscheinungen untertauchenden Wirklichkeit“? (4) Konzentrieren wir uns in diesen und den kommenden Wochen und Monaten besonders auf die Kinder, denn sie brauchen uns. Und wir brauchen sie. Nachdem man unter dem Vorwand, die alten Menschen zu schützen, das gigantische Impfexperiment an ihnen durchgeführt hat, mit fragwürdigem Nutzen aber dem nachweislichen Schaden, dass viele von ihnen „an oder mit der Impfung“ erkrankt oder verstorben sind, hat sich nun der Fokus der Angst zunehmend auf die Kinder gerichtet. Allmählich werden Behauptungen wie, die Schulen seien die eigentlichen „Hotspots“ und die Kinder seien „Virenschleudern“, immer dreister und die Forderungen nach Zwangstestung und Zwangsimpfung – nach dem Masern-Vorbild – immer lauter.

Eine Gesellschaft, die ihre Alten so behandelt, wie dies in der jüngsten Vergangenheit geschehen ist und noch geschieht, wird eine nachhaltige Wirkung in der geistigen Welt erzeugen, eine geistige Verdunkelung, die auf sie selbst zurückfallen wird. Eine Gesellschaft, die das Lachen der Kinder verhüllt, ihren Bewegungssinn behindert und ihr Bedürfnis nach Wärme, Begegnung und Berührung unterdrückt, beraubt sich ihrer Gesundungs- und Lebenskräfte. Was für eine Generation ziehen wir heran, wenn wir den jungen Menschen mit dem Gedanken oder dem Gefühl gegenübertreten, dass von ihnen eine Bedrohung ausgeht? Allein schon die Diskussion darüber, ob Kinder eine Gefahr für uns sind oder nicht, ist unserer nicht würdig. Und jetzt sollen die Kinder zum neuen Experimentierfeld für die Test- und Impf-Industrie werden. Nicht nur das Impfen, auch der Testwahn ist ja zu einem Milliardengeschäft geworden.

Dagegen müssen wir die Kinder und die Kindheit verteidigen. Ich habe allerhöchsten Respekt vor den Kolleginnen und Kollegen in pädagogischen Einrichtungen, die sich diesem Zugriff auf die Kinder verweigern und dabei persönliche Diskriminierungen und berufliche Benachteiligungen in Kauf nehmen. Gerade Waldorfpädagogen sollten um die Wirkung besagter Maßnahmen in der Seele des Kindes oder des Jugendlichen Bescheid wissen. In diesem Sinne schließe ich mit einem Gedanken des gerade verstorbenen Kinderarztes und Pädagogen Henning Köhler, dem Begründer des Janusz-Korczak-Instituts:

„Es könnte einen ethischen Minimalkonsens geben, eine Verständigungsebene inmitten der babylonischen Sprachverwirrung unserer Zeit, über alles ideologische Gezänk, alle religiösen und weltanschaulichen Grenzen hinweg: Liebe zu Kindern. Völliger Verzicht auf Gewalt gegenüber Kindern. Sozialgestaltung nach Maßgabe des Kindeswohls. Das ist der Schlüssel. Die ‚Ethik unter dem bethlehemischen Stern‘ ist christlich im tiefsten Sinn und gerade deshalb überkonfessionell. Wer von Christus nichts hören will, dem kann man auch sagen: Schau ein Kind an, schau es wirklich an, und du begegnest dem Wunder, dass in dir die Möglichkeit zur selbstlosen Liebe schlummert.“

Hierin erkenne ich die wirkliche Chance für einen großen Umbruch und für eine Verbesserung des Menschen, die jedem individuell offensteht.(5)

Quellen: